Wie stark wird Second Life wirklich genutzt?
Jun 6th, 2007 by Simon Künzler
Die von der Firma Linden Labs veröffentlichten Zahlen zur Nutzung von Second Life wecken immer wieder hohe Erwartungen. Denn bis dato wurden rund 7 Millionen Registierungen (Anmeldungen, nicht aktive User) verzeichnet. Effektiv schätzt man die Zahl der regelmässigen Second Life User (im Internet-Jargon wäre das wohl der ENK) auf etwas unter 1 Million. Genau gemessen gibt es eine äusserst aktive Second Life Community, die bestimmte Plätze in SL regelmässig und mehrmals besucht. Die beste Grundlage für intelligentes Marketing, welches sich an eine spezifische Zielgruppe richtet.
Sind 1 Million aktive User viel? Ist das wenig? Wenn man bedenkt, dass regelmässig zwischen 20′000 bis 50′000 User gleichzeitig in SL online sind: ich würde meinen: JA.
Jetzt hat das Beratungsunternehmen «Fitkau & Maaß Consulting» die Ergebnisse einer Besucherumfrage herausgegeben. [via multimediablog]
Es wurden im April u. Mai ca. 100′000 Internetuser befragt. Dabei kam heraus, dass die Gäste Second Life meist nur einmal besuchen. Viele Menschen sind neugierig, verlieren aber schnell das Interesse. So beteiligt sich nicht einmal jeder hundertste Internet-User aktiv. 2/3 der Erstbesucher haben angegeben nach den ersten Besuch Second Life nicht wieder zu besuchen. Anderseits ist die Bekanntheit gewaltig, 70 % der Befragten geben an Second Life zu kennen. Davon waren allerdings nur 8 % bisher in von Second Life. Die meisten User nutzen die Plattform als neue Möglichkeit des Chattens und Spielens. Lediglich 12 % der Aktiven wurden im Second Life auf neue Produkte aufmerksam, somit ist ein Fazit des Beratungsunternehmens, dass Second Life als Marketingplattform überschätzt wird. [Quelle: yahoo]
Kein Wunder, locken die überzogenen Erwartungen und derartige Berichte wie der von Fitkau immer wieder die Presse mit negativen, (oftmals) schlecht recherchierten Artikeln (1, 2, 3) auf den Plan, die nur das Ziel haben, bei den Lesern für Aufmerksamkeit zu sorgen.
Zwei Schlussfolgerungen von Fitkau stechen aber ins Auge und sind zu widerlegen oder zu berichtigen:
Falschaussage 1: Second Life ist langweilig und hat keine oder wenig regelmässige Besucher
Aktuelle Messungen beweisen, dass es äusserst aktive SL User gibt. Die datenbankgestützen Erhebungen zeigen:
104.084 Avatare von 176.144 gezählten (also echte SL-user und nicht irgendwelche befragten Internetuser (!)) waren mehr als 5 Mal in Second Life im Zeitram von Januar bis heute.
Schlussfolgerung: Mehr als die Hälfte der SL User besuchten über den gemessenen Zeitraum (Januar bis Ende Mai) einen ein Mal besuchten Sim total 5 mal. Die gemessenen Werte, basierend auf dem effektiven Verhalten der User, zeichnen also ein etwas anderes Bild als die Umfrageresultate von Fitkau bei “irgendwelchen Internet-Nutzern”. Nichtsdestotrotz scheinen einige Sims unter Traffic-Mangel zu leiden und setzen mit sogenannen «Dancepads» auf aussergewöhnliche Methoden, die kaum zu empfehlen sind.
Falschaussage 2: Second Life wird als Marketingplattform überschätzt
Niemand hat behauptet, Second Life sei ein Massenmedium. Second Life hat aber sehr wohl Potential für das Marketing: SL ist die ideale Testplattform für das voraussichtlich aufkommende Web.3D und ideale Plattform, um eine attraktiven Zielgruppe (gebildet, kaufkräftig, extrem Internet-affin, z.T. über andere Kanäle nicht mehr zu erreichen), anzusprechen und zu involvieren. Zum Beispiel mit Branded Info- oder Entertainment. Oder mit vCommerce, Crowd Sourcing und anderem mehr.
Wie erfolgreich oder wirksam die verschiedenen Initiativen der Markenunternehmen in Second Life sind, ist bis dato noch wenig bekannt. Bekannt ist jedoch, dass Adidas laut der Zeitschrift “webselling” seit September im virtuellen Shop in SL bereits 23′000 virtuelle Schuhe verkauft haben soll. Dies entspricht 1.15 Millionen Linden-Dollars. Umgerechnet sind das zwar lediglich rund 4′000 US Dollars, aber 23′000 potentielle Käufer der echten Adidas-Schuhe. Ob sich die Initiative des virtuellen Shops auf die realen Verkäufe bereits auswirkt, ist (uns) jedoch nicht bekannt. Eine gewissen positive Wirkung dürfte allerdings kaum abzustreiten sein.
Wir von Pedro Meya Marty messen seit geraumer Zeit den Traffic auf unseren beiden Inseln «Helvetia» und «Swiss City» und werden bei Gelegenheit die Zahlen einem interessierten Publikum zugänglich machen. Auch werden wir in nächster Zeit einige Cases zeigen können, wie Second Life für Schweizer Unternehmen für Marketing-Zwecke eingesetzt werden kann.
Ich finde es ja lustig, in einer Reihe mit Spiegel und Focus genannt zu werden (und sei es nur als Ziffern-Link und als Negativbeispiel). Viel “lustiger” hätte ich es noch gefunden zu erfahren, was denn nun “negativ und schlecht recherchiert” sei an meinem Blogposting, das gar nicht den Anspruch stellt, ein Stück Journalismus zu sein.
Die Zahlen, die Sie anführen, bestätigen das Stimmungsbild, das ich hier wiedergegeben habe. Okay, mehr als 100k User haben zwischen Jänner und Mai SL mehr als 5 Mal besucht, d.h. 1 Mal pro Monat (und mit ein bisschen Glück vielleicht auch öfter). Das finden Sie berauschend? Viel beeindruckender finde ich die Anzahl derjenigen, die nach dem ersten Besuch SL links liegen gelassen haben.
Aber ich verstehe Ihre positive Einstellung schon: Immerhin wollen (oder können) Sie davon ja leben. Das sollte Sie aber nicht davon abhalten, die Situation realistisch einzuschätzen. Es gibt schon eine ganze Reihe von Unternehmen, die in eine SL-Präsenz investiert haben und jetzt beginnen, dieses Investment zu evaluieren. Um nicht mehr ist es in meinem Posting gegangen. (Abgesehen von ein paar subjektiven Anmerkungen zu den Limitierungen von SL.)
Grüezi Herr Pirchner
Oha, da sind Sie unbeabsichtig in diese Linkliste von etwas gar kritischen Beiträgen zu SL geraten. Klassischer Copy-Paste-Fehler. Ich wollte die Nummer 3 mit diesem Beitrag verlinken (http://www.rainersacht.de/images/sl_party_over.jpg). Hatte eben vorher Ihren Blogpost gelesen. Ich habe das jetzt korrigiert. Bitte entschuldigen Sie.
Vielleicht trotzdem einige Worte zu Ihren Anmerkungen:
Der Rückschluss, dass mit den effektiv gemessenen Zahlen die User 1 Mal im Monat einen Sim besuchen, den wollte ich vorerst auch ziehen. Geht aber m.E. nicht ganz. Denn die Avatare halten sich ja noch auf weiteren Sims auf. Die Aussage ist, dass die Mehrheit der gemessenen Avatare innerhalb von 5 Monaten einen ein Mal besuchten Sim 5 Mal wieder besuchen. Es kann sein, dass einige das in den letzten Tagen getan haben, oder aber wirklich in den letzten 5 Monaten. Und je länger der Messzeitraum dauert, umso schlechter fällt natürlich dann dieser Wert aus.
Ehrlich gesagt, ich finde unseren Beitrag eigentlich auch gar nicht übertrieben optimistisch. Wir wollten eben die publizierten Zahlen aus einem anderen Blickwinkel betrachten und versuchen so, die Situation so gut wie möglich und eben so realistisch wie möglich einzuschätzen.
Second Life im Speziellen und virtuelle Welten im Allgemeinen sind eine interessante Sache, das dürfte nicht von der Hand zu weisen sein. Wir glauben, wie Sie auch, an das Potenzial und sammeln jetzt unsere Erfahrungen.
Danke für die Klarstellung! (Nicht dass ich etwas dagegen gehabt hätte, genannt zu werden, nur der Kontext schien mir nicht ganz angemessen :-))
Mit den Zahlen ist es immer so eine Sache, sie lassen sich meist in mehrere Richtungen interpretieren. Sie sind gerade bei Innovationen wie virtuellen 3D-Welten wenig Erkenntnis stiftend, weil nicht einmal klar ist, wie sie sich (wenn überhaupt) extrapolieren lassen. Es hilft daher nur ein empirischer Ansatz: ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Möglichkeiten ausloten. In dieser Hinsicht haben wir gerade erst einmal an der Oberfläche gekratzt.
gern geschehen. war ja auch etwas unglücklich.
und ja, wir sammeln jetzt und kratzen weiter
Seit der Inseleröffnung im September 2006 verkaufte Adidas monatlich 2.700 Schuhpaare im Second-Life-Shop und verzeichnete im Schnitt 9.000 Besucher.